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Digitale Gesund­heit

Ob zur Prävention, Diagnose, Therapietreue oder Effizienz – Websites, Apps, Blogs und Online-Foren spielen eine immer wichtigere Rolle in der medizinischen Versorgung. Das Merck Innovation Center fördert Start-ups mit frischen Ideen zur Digitalisierung des Gesundheitswesens.

Das Internet weiß auf jede Frage eine Antwort – auch auf gesundheitliche Fragen. Der moderne Patient ist daher durch Wikipedia, Blogs und Foren gut infomiert und erwartet von seinem behandelnden Arzt ein Gespräch auf Augenhöhe. „Grundsätzlich halte ich diese Entwicklung für sehr positiv. Viele Patienten haben die mögliche Ursache ihrer Beschwerden bereits vor dem Arztbesuch online recherchiert. Manchmal liegen sie mit ihrer Vermutung richtig, aber natürlich kann es auch zu Missverständnissen kommen“, sagt Stephanie Brockötter, niedergelassene Allgemeinmedizinerin im münsterländischen Nordwalde. Fest steht: Die Digitalisierung erleichtert die Aneignung von Wissen über Krankheitsbilder und Therapien. Darüber hinaus nehmen immer mehr mobile Apps das Thema „digitale Gesundheit“ in den Fokus. Sie können Patienten zum Beispiel an die Einnahme ihrer Medikamente erinnern, Gesundheitsdaten dokumentieren oder Ernährungshinweise geben. „Digitale Gesundheit ist ein Markt mit riesigem Potenzial. Treiber der dynamischen Entwicklung sind vor allem kleine Start-ups – und die wollen wir mit unserem Accelerator-Programm gezielt unterstützen“, sagt Michael Gamber, Leiter des Merck Innovation Center.

Brian Gitta
Gründer des Start-ups thinkIT

„Wir bekamen im Innovation Center von Merck den nötigen Freiraum, um unsere Idee zu einem tragfähigen Geschäft weiterzuentwickeln.“

Malariadiagnose per Smartphone-App

Zu den geförderten Gründern zählt Brian Gitta. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern hat der junge Mann aus Kampala (Uganda) eine App entwickelt, die einen Malaria-Test ohne Blutprobe ermöglicht. Auf die Idee brachte ihn seine persönliche Krankengeschichte: „Als Informatikstudent litt ich an einer Erkrankung, gegen die ich mir dreimal täglich ein Medikament spritzen musste. Als ich dann zusätzlich Anzeichen von Malaria hatte, befürchtete ich noch mehr Nadelstiche“, erzählt Gitta. Meist sind zur Diagnose von Malaria mehrere Blutproben notwendig. Er begann nachzuforschen, ob es nicht eine weniger unangenehme Diagnosemethode geben könnte. Hinzu kommt ein viel wichtigerer Faktor: Wird Malaria früh erkannt, kann sie medikamentös behandelt werden. Diagnostizieren lässt sich die gefährliche Krankheit aber nur mit dem Instrumentarium einer Krankenstation – die es in vielen Kommunen Afrikas gar nicht gibt. Gitta ist überzeugt, dass darum viele Erkrankungen zu spät erkannt werden. „Ich fand heraus, dass sich der Sauerstoffgehalt von Blut über Lichtsensoren bestimmen lässt und fragte mich, ob man mit Hilfe von Licht nicht auch Malaria nachweisen könnte“, so Gitta. Mit einigen Kommilitonen entwickelte der Student den Prototyp einer Fingerklemme, die an Smartphones angeschlossen werden kann. Dieses Gerät scannt mit Infrarotsensoren die roten Blutkörperchen auf Malaria Protozoa. Nach wenigen Minuten erscheint die Diagnose auf dem Display. Dieses Verfahren ist nicht nur völlig schmerzfrei, sondern auch deutlich schneller, günstiger und leichter zugänglich als die herkömmliche Methode. Das Team taufte die Klemme auf den Namen „Matibabu“ – „Krankenstation“ auf Suaheli – und gründete das Start-up thinkIT. Im Rahmen des Merck Accelerators feilten die jungen Unternehmer im Innovation Center in Darmstadt an Matibabu weiter. „Wir bekamen den nötigen Freiraum, um unsere Idee zu einem tragfähigen Geschäft weiterzuentwickeln. In Gesprächen mit Experten aus anderen Fachgebieten haben wir zum Beispiel überlegt, wie unsere Technik auch zur Diagnose anderer Krankheiten eingesetzt werden könnte“, zieht Gitta eine positive Bilanz des Programms.

Mit einer Fingerklemme, die ans Smartphone angeschlossen wird, lässt sich Malaria diagnostizieren.

„Ich fand heraus, dass sich der Sauerstoffgehalt von Blut über Lichtsensoren bestimmen lässt und fragte mich, ob man mit Hilfe von Licht nicht auch Malaria nachweisen könnte.“

Brian Gitta
Gründer das Starts-up thinkIT

Wartezeit verkürzen

In eine völlig andere Richtung zielt die Idee des israelischen Start-ups Check-ER, das ebenfalls drei Monate im Innovation Center in Darmstadt verbrachte. Das Unternehmen arbeitete an einer App, die Patienten mit dem Bedarf einer Notversorgung zeigt, wann sie wo hingehen können. Die App hat einen „Symptom-Checker“. Basierend auf den persönlichen Krankheitssymptomen gibt die App eine Empfehlung für den besten „Zugang“ zum Gesundheitssystem – ob Notaufnahme, Arzt oder gar Telemedizin. Die App ist mit den Verwaltungssystemen der Krankenhäuser verbunden und ermittelt die Wartezeiten basierend auf den bereits wartenden Patienten und der Dringlichkeit der Symptome. „Überfüllte Notaufnahmen und Verzögerungen bei der klinischen Behandlung können durch Check-ER vermieden werden. Somit steigen die Patientenzufriedenheit und die Qualität der medizinischen Versorgung“, sagt Mitgründerin Rachel Bodkier. In Kooperation mit der zweitgrößten privaten Krankenhauskette Frankreichs testet Check-ER die App in 25 Krankenhäusern.

Das Start-up Check-ER hat eine App entwickelt, die unter anderem die Wartezeiten in Notaufnahmen prognostiziert.

Marktplatz für Apotheken

Als Deutschlands erster Apotheken-Marktplatz ermöglicht Apoly den Einkauf von rezeptfreien Medikamenten über eine Onlineplattform. Das Start-up bringt den Kunden über das Netz mit der Apotheke vor Ort zusammen. Nutzer können auf der Onlineplattform Krankheitsbilder entsprechend ihrer Beschwerden auswählen und erhalten passende Medikamentenvorschläge. Dabei können kundenspezifische Informationen wie Allergien gesammelt und bei der Medikamentenwahl berücksichtigt werden. Die Bestellung wird an die nächstgelegene Partner-Apotheke weitergeleitet, deren Botendienst liefert das Medikament in der Regel noch am selben Tag aus. Im Gegenzug erhält Apoly eine Transaktionsgebühr von den Apotheken. „Im Rahmen des Accelerators konnten wir mit der Unterstützung von Beratern und Coaches unsere Hypothesen überprüfen und aus den Ergebnissen neue Strategien ableiten – das war für uns sehr hilfreich“, sagt Mitgründer Luca Christel. Das Leipziger Start-up ist bereits in den größten deutschen Städten mit seinem Service verfügbar.

Bei Apoly können Patienten online empfohlene Medikamente bei örtlichen Apotheken bestellen.

Das kenianische Unternehmen Maisha Meds bietet Apotheken eine App zur Inventur.

Onlineinventur

Der Merck Accelerator ist im Februar 2016 nach Nairobi (Kenia) expandiert. Dort unterstützt Merck bislang ausschließlich Start-ups im digitalen Gesundheitsbereich. So bietet etwa das geförderte Unternehmen Maisha Meds eine leicht anzuwendende und kostengünstige App an, mit der kleine private Apotheken in ländlichen Regionen Kenias ihr Inventar verwalten können. Momentan arbeiten viele Apotheken in Afrika noch mit Papier und Stift – was zu Unübersichtlichkeit und dem Verlust von Informationen führt. Mit der App von Maisha Meds verwalten Apotheken ihr Inventar sowie das Bestellen von Medikamenten ganz einfach digital. Außerdem können sie durch ein mobiles Bezahlsystem besser mit ihren Kunden in Kontakt bleiben und über Sonderangebote via SMS informieren. Mithilfe des Accelerators hat das Start-up viele strategisch wichtige Kontakte geknüpft.

„Digitale Gesundheit ist ein Markt mit riesigem Potenzial. Treiber der dynamischen Entwicklung sind vor allem kleine Start-ups – und die wollen wir mit unserem Accelerator Programm gezielt unterstützen.“

Michael Gamber,
Leiter des Merck Innovation Center

Gute Ideen fördern

Der Accelerator von Merck fördert den Innovationsgeist junger Unternehmen aus den Bereichen Healthcare, Life Science und Performance Materials, – insbesondere mit dem Fokus auf digitalen Lösungen. In Darmstadt bietet das dreimonatige Programm ausgewählten Start-ups eine Finanzierung in Höhe von bis zu 50.000 Euro, regelmäßige Coachings und Trainings sowie die Unterbringung im Merck Innovation Center. Mit der Gründung des Accelerator-Programms in Nairobi (Kenia) eröffnete Merck im Februar 2016 den ersten Standort außerhalb Deutschlands. Das ebenfalls dreimonatige Programm fördert Start-ups aus dem Bereich Digital Health. Die Unternehmen erhalten neben Arbeitsräumen, Curriculum und der Unterstützung durch Mentoren eine Finanzierung von bis zu 30.000 USD. Ein wesentlicher Bestandteil des Accelerators ist die Vernetzung und der fachliche Austausch mit den jungen Erfindern, von dem alle Beteiligten profitieren sollen. Dabei werden neben Experten aus den weltweiten Merck Standorten auch externe Fachleute aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft eingebunden.
Der Merck Accelerator soll zu einer globalen Plattform ausgebaut werden, damit die Umsetzung einer guten Idee nicht von den lokalen Standortfaktoren abhängig ist.